In den letzten Jahren sind bekanntlich viele Ausbrüche von Viruserkrankungen aufgetreten, deren Erreger von Fledermäusen als primären Wirten stammen. Dazu zählen Hendra, Nipha, Marburg und Ebolaviren, SARS-CoV1, MERS und schliesslich SARS-CoV2. Fledermäuse als Quellen dieser für andere Säugetiere, insbesondere den Menschen, so gefährlichen Zoonosen erkrankten erstaunlicherweise selbst nicht. Diese sogenannte immunologische Toleranz der Fledermäuse gegen für uns und andere Tiere gefährliche Viren hat nun natürlich in zunehmenden Mass das Interesse von Immunologen erweckt.
Fledermäuse stellen 1.423 (!) der mehr als 6.400 bekannten Arten von Säugetieren dar. Unter Berücksichtigung der Körpergrösse leben nur 19 der Säugetierspezies länger als der Mensch und bei 18 (!) dieser 19 langlebigen Arten handelt es sich um Fledermäuse (die 19. Spezies ist der Nacktmull)
Auf das Phänomen der Zwischenwirte bei der Übertragung von Fledermausviren auf den Menschen soll in diesem Rahmen nicht näher eingegangen werden. Es ist aber interessant, die besondere, ganz subtile Balance zwischen Immunabwehr und Immuntoleranz in Bezug auf die Beherbergung dieser Viren zu untersuchen. Vereinfacht kann man sagen, dass Gene, die die Produktion von Interferonen (IFN) steuern, sowie solche, die durch IFN aktiviert werden, bei Fledermäusen vermehrt exprimiert werden. Das Gleiche gilt für sog. Chaperone (= Zellschutzstoffe, die Stressproteine, z.B. sogenannte Hitzeschockproteine – HSP) und den Prozess der Autophagie, die beide die zelluläre Homeostase garantieren. Die ebenfalls verstärkte Expression des Ioneneffluxpumpen-Moleküls ABCB1 verleiht den Tieren Schutz vor genotoxischen Substanzen. Auf der anderen Seite ist in Fledermäusen die Expression von proinflammatorischen Molekülen bzw. Molekülkomplexen herunterreguliert, wie z.B. die stimulator of IFN genes (STING). Die Funktion bestimmter Inflammasom-Transduktionswege (z.B. IvLRP3), das Fehlen bzw. die niedrigen Serumspiegel proinflammatorischer Zytokine, wie Interleukin-1β (IL-1β) und Pyhin, etc. tragen zu dieser Resistenz bei (s.Abb.)
Aus allen diesen Gründen beschäftigen sich jetzt doch weltweit relativ viele Gruppen mit der Untersuchung des angeborenen (innate) und adaptiven Immunsystems von Fledermäusen – eine Aufgabe, die durch das Fehlen geeigneter Haltungsmöglichkeiten (Ausnahmen China und Singapore) und der notwendigen Reagenzien für das Arbeiten mit diesen potentiellen Versuchstieren erschwert wird.
Ein besseres Verständnis für das Immunsystem von Fledermäusen ist jedenfalls eine wichtige Voraussetzung für die Prävention und Therapie bereits aufgetretener und zukünftiger, von diesen Tieren stammenden Zoonosen – ganz zu schweigen vom möglichen Nutzen für die weitere Klärung von Mechanismen proinflammatorischer Prozesse und immunologischen Mangelzuständen beim Menschen.
Abb.:
Referenz:
Dolgin, E. (2023). Bat biotech takes flight. Nature Biotechnology, 41(8), 1047–1052. https://doi.org/10.1038/s41587-023-01880-y
