Der Mensch ist ein optimierter, evolutionärer Kompromiss, der schon in der Embryonalzeit wirksame Schutzmechanismen für unseren Körper und Geist entwickelt.
So können Frauen bekanntlich am Anfang einer Schwangerschaft oft keine schlechten Gerüche ertragen oder müssen sich übergeben. Auf diese Weise schützen sie unterbewusst den Embryo vor toxischen Umweltfaktoren bzw. verdorbenen Lebensmitteln, also ein gutes Beispiel für eine physiologische Nahrungsmittelintoleranz.
In späteren Stadien der Schwangerschaft entwickeln sie dann gar nicht so selten einen Heisshunger – sie müssen ja jetzt für zwei essen – und eine eigenartige Vorliebe für saure Speisen, wie Essiggurken, auf die sie im nicht-schwangeren Zustand überhaupt keinen Appetit hatten. Auch dieses letztere Phänomen ist evolutionär erklärbar: während der Schwangerschaft verändert sich der Hormonhaushalt ganz wesentlich, und dadurch empfindet der Geruchssinn vieles anders als in nicht schwangerem Zustand. Saure Lebensmittel, wie Zitronen, oder eben Essiggurken, wirken besonders erfrischend und enthalten auch wichtige Vitamine, wie Vit. C und Folsäure. Sie regen ausserdem die bei Schwangeren wegen des Drucks des Fetus auf die Eingeweide oft gestörte Verdauung an.
Neben diesen physiologischen, schützenden Aspekten einer Nahrungsmittelintoleranz, oder einer Verschiebung des Appetits in Richtung sonst nicht präferierter Nahrungsmittel gibt es – unabhängig vom exzeptionellen Zustand der Schwangerschaft – noch das weite medizinische Feld der pathologischen Nahrungsmittelintoleranz.
Nahrungsmittelintoleranz: Immunologische und Nicht-Immunologische Perspektiven
Nahrungsmittelintoleranz bezieht sich auf unerwünschte Reaktionen auf bestimmte Lebensmittel, die das Immunsystem nicht in gleicher Weise betreffen wie klassische Nahrungsmittelallergien. Sie unterscheidet sich von der Nahrungsmittelallergie, die in der Regel immunvermittelt ist und schwere, sofortige Reaktionen hervorrufen kann. Reaktionen bei Nahrungsmittelintoleranz sind häufig dosisabhängig, verzögert im Auftreten und selten lebensbedrohlich, können jedoch die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
- Immunologische (Immunvermittelte) Nahrungsmittelintoleranz
Obwohl der Begriff Nahrungsmittelintoleranz traditionell auf nicht-immunologische Mechanismen verweist, werden einige unerwünschte Reaktionen mit immunologischer Beteiligung aus praktischen Gründen manchmal unter dem weiteren Begriff zusammengefasst. Die wichtigsten immunologischen Reaktionen werden als Nahrungsmittelallergien klassifiziert.
- IgE-vermittelte Reaktionen:
Beinhalten die Bildung von lebensmittelspezifischen IgE-Antikörpern nach Kontakt mit einem Lebensmittelantigen. Bei erneutem Kontakt lösen diese Antikörper die Degranulation von Mastzellen und Basophilen aus, wodurch Histamin und andere Mediatoren freigesetzt werden.
Auftreten: Schnell (Minuten bis Stunden!).
Beispiele: Erdnuss-, Schalen- oder Eiallergie. - Nicht-IgE-vermittelte Reaktionen:
Beinhalten T-Zell-vermittelte Immunantworten ohne Beteiligung von IgE.
Auftreten: Verzögert (Stunden bis Tage!).
Beispiele: Zöliakie, lebensmittelproteininduzierte Enterokolitis (FPIES). - Gemischt IgE-/Nicht-IgE-vermittelte Reaktionen:
Einige Erkrankungen, wie die eosinophile Ösophagitis, beinhalten sowohl humorale als auch zelluläre Immunmechanismen. - Nicht-Immunologische (Metabolische, Pharmakologische und Idiosynkratische) Nahrungsmittelintoleranz
- Enzymatische (Metabolische) Intoleranz:
Ein Mangel oder eine Fehlfunktion von Verdauungsenzymen verhindert den ordnungsgemäßen Abbau bestimmter Nahrungsbestandteile.
Beispiele: Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption. - Pharmakologische Intoleranz:
Reaktion auf natürlich vorkommende chemische Substanzen in Lebensmitteln, die wie Arzneimittel wirken.
Beispiele: Histamin oder Tyramin in gereiftem Käse und Wein; Koffeinempfindlichkeit. - Toxische oder Chemische Intoleranz:
Reaktion auf Schadstoffe oder Zusatzstoffe wie Sulfite, Mononatriumglutamat (MSG) oder Lebensmittelfarbstoffe.
Beispiele: Sulfitinduzierte Asthmaanfälle; MSG-bedingte Kopfschmerzen. - Idiosynkratische/Undefinierte Mechanismen:
Einige Reaktionen zeigen keine klare immunologische oder metabolische Erklärung, möglicherweise aufgrund veränderter Darm-Hirn-Signalübertragung, Unterschiede im Mikrobiom oder genetischer Faktoren.
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Typ |
Mechanismus |
Immunbeteiligung |
Beispiele |
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IgE-vermittelt |
Antikörper-vermittelt |
Ja |
Erdnuss-, Schalenallergie |
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Nicht-IgE-vermittelt |
T-Zell-vermittelt |
Ja |
Zöliakie, FPIES |
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Enzymatisch |
Enzymmangel |
Nein |
Laktoseintoleranz |
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Pharmakologisch |
Bioaktive Nahrungschemikalien |
Nein |
Koffein, Histamin |
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Additiv/Chemisch |
Reaktion auf Zusatzstoffe |
Nein |
Sulfite, MSG |
Fazit:
Die Nahrungsmittelintoleranz umfasst ein breites Spektrum an unerwünschten Reaktionen auf Lebensmittel. Immunologische Formen beinhalten spezifische Immunantworten (IgE- oder T-Zell-vermittelt), während nicht-immunologische Formen auf enzymatischen Defekten, pharmakologischen Effekten oder anderen Mechanismen beruhen. Das Verständnis dieser Unterschiede ist entscheidend für eine genaue Diagnose, ein wirksames Management und eine geeignete Ernährungsintoleranz
Zurück zur Evolution.
Vor kurzem konnte die Arbeitsgruppe von Rustan Medzhitov an der Yale Universität in den USA (Ref.) experimentell zeigten, dass auch nach der Geburt bis ins Erwachsenenalter evolutionäre Mechanismen in Bezug auf die Aufnahme potentiell gefährlicher Nahrungsmittel wirksam sind: im Fall von IgE-mediierten Allergien kommt es nämlich zu einer durch Botschaften des Immunsystem an das Gehirn gesteuerten Vermeidung der Einnahme von in diesem Fall allergenhaltigem Nahrungsmittel. Dieses wesentlich auf einer genetischen Prädisposition (wie allgemein für die Entwicklung von Allergien bekannt) basierendes Phänomen wird auf Englisch als „immune sensing“ (also immunologisch gefühlte bzw. „gewitterte“ Gefahr) bezeichnet.
Referenz:
Florsheim, E. B., Bachtel, N. D., Cullen, J. L., Lima, B. G. C., Godazgar, M., Carvalho, F., Chatain, C. P., Zimmer, M. R., Zhang, C., Gautier, G., Launay, P., Wang, A., Dietrich, M. O., & Medzhitov, R. (2023). Immune sensing of food allergens promotes avoidance behaviour. Nature, 620(7974), 643–650. https://doi.org/10.1038/s41586-023-06362-4
