Beitrag 6 – Typ III Allergie durch IgG Antikörper gegen Nahrungsmittel

    1. Einleitung

    Im Blutplasma zirkulieren Immunglobuline (Ig) der Klassen IgD, IgE, A, M und G. IgA wird zudem in die Subklassen IgA1 und 2, IgG in die Subklassen IgG1-4 unterteilt. Die Produktion aller Ig erfolgt durch so genannte Plasmazellen, die außerhalb des Blutkreislaufs, zum Beispiel im Knochenmark, in Lymphknoten, in der Milz, oder in der Tiefe der Schleimhaut des Magen-Darm-Trakts liegen. Jeder Antikörper bindet in der Regel nur ein einziges Zielmolekül (Antigen). Wenn von Allergien jeder Art die Rede ist, bezeichnet man die in Frage kommenden Antigene als Allergene. Die produzierten Antikörper gehen dann im Blutkreislauf „auf Reisen“ und suchen das passende, von außen eingedrungene fremde Antigen, z.B. ein bestimmtes Nahrungsmittel. Oft befindet sich dieses in der Nähe der Ig produzierenden Plasmazellen, es wird jedoch über den Blutkreislauf auch im Rest des Körpers verteilt. Die Bindung eines Antikörpers an „sein“ spezifisches Antigen ergibt dann einen so genannten Immunkomplex.

    Nahrungsbestandteile werden vom Immunsystem prinzipiell als körperfremd eingestuft. Sobald sie über die Darmschleimhaut aufgenommen und ins umgebende Bindegewebe sowie ins Gefäßsystem abgegeben werden, wird der für die Energiegewinnung nicht benötigte Überschuss an Nahrungsbestandteilen in Form von Immunkomplexen auf kleinstem Raum vor Ort durch Fresszellen (Makrophagen) oder über den Blutkreislauf und die Niere eliminiert. Dabei gilt, dass der Körper umso mehr IgG bereitstellt, je mehr Nahrungsbestandteile aufgenommen werden und je weniger gut (durch die Enzyme des Darms) aufbereitet diese in der Darmwand ankommen. Sollten die aus Nahrungsmittel und IgG gebildeten Immunkomplexe die Abwehrreaktion zu stark werden lassen, weil sie zu zahlreich oder zu groß sind, können Darmbeschwerden auftreten. Da die Nahrungsmittel an sich ungefährlich sind, liegt bei entsprechend prädisponierten Menschen eine immunologische Überreaktion vor, die man als Typ III Allergie bezeichnet. Die Konzentration der gegen Nahrungsmittel gerichteten IgG Antikörper im Blut kann somit eine störende Immunreaktion gegen Immunkomplexe, also eine Typ III Allergie, anzeigen. (Die Bildung von Komplexen aus einem Allergen und IgG-Antikörpern wird übrigens als Präzipitationsreaktion bezeichnet; siehe Punkt 7 unten.  Daher heißen sie präzipitierende Antikörper.)

     

    1. Genetik

    Eine Vererbung des Risikos für Typ III Allergien auf die nachfolgende Generation ist nicht beschrieben. Interessant ist eine Häufung von hohen Konzentrationen von IgG Antikörpern gegen Nahrungsmittel mit Schilddrüsen-spezifischen Autoimmunerkrankungen, zum Beispiel dem M. Hashimoto.

     

    1. Entwicklung einer Typ III Allergie

    Wie alle allergischen Erkrankungen, entwickelt sich eine Nahrungsmitteallergie nicht sofort, sondern tritt erst bei mehrfachem Kontakt mit den entsprechenden Allergenen klinisch in Erscheinung. Auch hier muss das Immunsystem von Patienten zunächst gegen bestimmte Nahrungsmittel – Allergene empfindlich gemacht werden (Sensibilisierung). Bei einem der nächsten (ev. auch schon beim zweiten) Kontakt reagiert es dann stärker (sog. immunologisches Gedächtnis!) und führt zu voll ausgeprägten Symptomen einer Typ III Allergie.

    Es ist wichtig, die Ursache der Allergenpräsenz mit zu berücksichtigen. Ist die Darmbarriere intakt und ist die Konzentration der aufgenommenen Nahrungsmittel in der Norm, weist die verstärkte Induktion von IgG – Antikörpern auf eine echte Typ III Allergie hin. Ist aber die Darmbarriere defekt und erlaubt eine Überschwemmung der Darmwand mit einer Vielzahl an Nahrungsmitteln, ist eine sehr breite Immunreaktion zu erwarten. Hier kommt es auch bei nicht prädestinierten Patienten wohl zu einer erwartbaren, normalen humoralen Immunreaktion. In diesem Fall besteht also keine Typ III Allergie. Somit ist bei der Analyse von IgG Antikörpern gegen Nahrungsmittel große Vorsicht angebracht, da es sehr schwer ist, zwischen normaler und krankhafter Konzentration der IgG -Antikörper zu unterscheiden.

    Es gibt also zwei Konstellationen, die uns aufmerksam machen sollten.

    1. Zum einen eine sehr starke Erhöhung der IgG Spiegel gegen 1-2 ausgewählte Nahrungsmittel, die auch zur Nahrungsanamnese passt. Hier könnte man von einer richtigen Allergie Typ III sprechen.
    2. Zum anderen wäre eine mittelstarke oder starke Vermehrung von IgG gegen ein breites Spektrum von Nahrungsmitteln verdächtig, da es auf eine verminderte Darmbarriere, einen sogenannten durchlässiger Darm (engl. Leaky Gut), durch übertrieben reichlich vorhandene IgG Antikörper, nicht jedoch auf eine Allergie hinweist.

     

    1. Häufigkeiten und Symptome der Typ III Allergie gegen Nahrungsmittel

    Aufgrund der vielfältigen Symptomatik und der Vielfalt an diagnostischen Labortests ist die genaue Zahl der Typ III Allergien gegen Nahrungsmittel nicht bekannt. Ein indirekter Schluss kann daraus gezogen werden, dass der Großteil der symptomatischen Patient*innen keine spezifischen IgE Antikörper gegen Nahrungsmittel aufweist. Dies entspricht 20% der betroffenen Personen. Unter diesen sind auch die Typ III Nahrungsmittelallergien einzuordnen.

     

    1. Vorbeugung und Therapie

    Wie jede Allergie zeichnet sich auch die Typ III Allergie gegen Nahrungsmittel dadurch aus, dass wiederholter Kontakt die klinische Reaktion verstärkt und eine bloße Reduktion (ohne Elimination) der Diät keine Verbesserung zeigt. Sollte sich das beim Anamnesegespräch herausstellen, gilt es, das betroffene Nahrungsmittel vollständig zu vermeiden. Leider ist die genaue Zusammensetzung von prozessierten Nahrungsmitteln oft nicht genau dokumentiert; so enthalten z.B. manche Nahrungsmittel Spuren von Erdnüssen, ohne dass der Kunde dies weiß. Außerdem ist nochmals darauf hinzuweisen, dass die Abgrenzung zur Normalreaktion schwierig sein kann! Eine medikamentöse Therapie wie eine Hyposensibilisierung, die man von der Behandlung der Typ I Allergie kennt, existiert nicht.

     

    1. Diagnose

    Prinzipiell können IgG Antikörper, die mit einem Nahrungsmittelantigen einen Immunkomplex im Zwischengewebe der Darmschleimhaut bilden, mittels mikroskopischer Untersuchung einer Biopsie erfolgen, die im Zuge einer Magen- oder Darmspiegelung gewonnen wird. Gelingt dieser Nachweis gemeinsam mit der Darstellung von Entzündungszellen, kann eine Typ III Sensibilisierung diagnostiziert werden. Ein Nachteil liegt in der Tatsache, dass keine der beiden Spiegelungsverfahren Einblick bis in den Dünndarm erlaubt, wo ja der Krankheitsprozess am ausgeprägtesten zu sein scheint.

    Ein guter Ansatzpunkt ist die Bestimmung der gegen Nahrungsmittel gerichteten IgG Antikörper aus dem Serum. Es handelt es sich um die freien, also (noch) nicht In Form von Immunkomplexen gebundenen Antikörper. Es kommen zwei Methoden zur Anwendung:

    1. Präzipitationstest: Mit dem (nach seinem Erfinder) Ouchterlony genannten Test wird das Serum des/der Patienten/in mit einem Extrakt des Nahrungsmittels in Kontakt gebracht. Man kann so die Ausbildung eines Immunkomplexes im Labor ’nachstellen‘. Dieser Test ist sehr spezifisch für eine Typ III Allergie gegen Nahrungsmittel, aber nicht sehr sensitiv; die Mehrzahl der Fälle entwischt dadurch der Diagnose.
    2. Nachweis freier IgG Antikörper: Hier kommt der Immunoassay zum Einsatz. Bestimmt wird die Konzentration des freien, einzelnen, gegen ein Nahrungsmittel gerichteten IgG Moleküls mittels einer Farbreaktion. Dieser Test erkennt die Mehrzahl der Patient*innen, aber auch all jene Personen, deren Immunsystem normal auf ein Nahrungsmittel reagiert. Hier ist es also wichtig, die Konzentrationsschwelle, welche mit der Krankheit assoziiert ist, hoch genug anzusetzen, geht man doch davon aus, dass relevante Symptome mit hohen IgG Mengen assoziiert sind.

     

    1. Die Rolle von IgG4 Antikörpern

    WICHTIG: Die oben beschriebenen Tests unterscheiden nicht zwischen den Subklassen IgG1-4, sondern messen die Gesamtmenge eines IgG Antikörpers gegen ein Nahrungsmittel. Die alleinige Erhebung von IgG4 Antikörpern kann eine Typ III Sensibilisierung niemals nachweisen, da diese Subklasse keine Immunkomplexe relevanter Größe ausbilden kann! Informativ ist höchstens, dass IgG4 Antikörper nach sich oft wiederholenden Kontakten mit einem Nahrungsmittel innerhalb der gesamten IgG Menge, auch wenn auf sehr niedriger Ebene, einen immer größeren Anteil einnimmt. (Es kommt nämlich zu einem Wechsel der Produktion von IgG1 Antikörpern zu IgG4 Antikörpern durch Plasmazellen.) Die Induktion von IgG4 ist also der Versuch des Körpers, mit dem Nahrungsmittel zurecht zu kommen und eben keine Typ III Allergie auszulösen. Die Bestimmung von IgG4 ist demnach ein Maß für die Entwicklung der immunologischen Toleranz, egal ob natürlich oder durch eine gezielte Gabe von Nahrungsmitteln im Zuge einer Therapie.

     

    Weitere Informationen erhalten Sie unter https://www.laborwick.com/, gerne auch telefonisch unter +43512 585098 oder direkt per Anfrage an medinfo@laborwick.com